Nachdem im ersten Teil der Fachtagung der ASBH in Fulda (November 2025) sehr ausführlich über Sexualität und Kinderwunsch gesprochen wurde, sollte es in einem weiteren Themenkomplex um die pränatale Operation bei Spina bifida gehen.
Dr. Siegmund Köhler, leitender Arzt der Geburtshilfe am Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM), eröffnete mit einem Vortrag zur sogenannten Hybridmethode.
Abwägung und Bewertungskriterien
Bei der pränatalen Operation zur Behandlung von Spina bifida unterscheidet man drei Methoden, über die hier im Blog auch schon berichtet wurde. Alle drei Methoden haben ihre Vor- und Nachteile, allerdings galt die offene Operation lange als „Goldstandard“, also als die Methode, die die besten Ergebnisse erwarten ließ.
Um zu belegen, dass eine neue medizinische Methode oder Behandlung erfolgreich ist, muss ihre Wirksamkeit oder ihr Erfolg in Studien belegt werden, bei denen die Teilnehmenden zufällig auf eine Kontrollgruppe und die Gruppe der zu untersuchenden Behandlung aufgeteilt werden. Eine Auswertung des Ergebnisses soll dann so erfolgen, dass nicht bekannt ist, wer zu welcher Gruppe gehört. Man spricht hierbei von einer randomisierten kontrollierten Studie.
Die MOMS Studie von 2011 war randomisiert. Das heißt, die Teilnehmenden wurden zufällig zu einer der Gruppen – (offene) pränatale oder nachgeburtliche Operation der Spina bifida – zugewiesen. Eine solche Studie mit den inzwischen etablierten Behandlungsmethoden erneut durchzuführen um diese hinsichtlich ihrer Ergebnisse wissenschaftlich abzusichern, so Dr. Köhler, sei in der heutigen Zeit aus verschiedenen, unter anderem auch aus ethischen Gründen nicht mehr möglich (Nachzulesen hier).
Seit 2017 gibt es jedoch Bemühungen seitens der Zentren, die offen fetoskopisch oder rein fetoskopisch arbeiten, durch wechselseitigen Austausch und ein voneinander Lernen die beste Methode für eine vorgeburtliche Behandlung bei Spina bifida zu etablieren (Bildung eines internationalen Konsortiums). Indem die Beteiligten die Einschlusskriterien, Daten und das Follow-up analog zur Datenerhebung der vielzitierten MOMS Studien erfassten, sollten die Ergebnisse aller drei Operationsmethoden vergleichbar werden und Rückschlüsse auf die beste Methode ermöglichen.
Methodik am UKGM: die Hybridmethode
Die am UKGM praktizierte Operationstechnik ist die sogenannte Hybridmethode. Ausschlaggebend für die Beschäftigung mit dieser Technik sei, so Dr. Köhler, eine Veröffentlichung aus dem Jahr 2021 gewesen, in der die Frage diskutiert worden sei, ob es bereits genug wissenschaftliche Belege dafür gibt, dass auch die anderen pränatalen Operationstechniken – mit den Verbesserungen und den zahlreichen Erfahrungen, die an Zentren weltweit inzwischen gesammelt wurden – bei Spina bifida als Standardtechniken angesehen werden können (hier nachzulesen).
Das Team der UKGM arbeitete mit Medizinern des Texas Children’s Hospital Houston um Dr. Michael Belfort zusammen, der für sein Zentrum die Operationsmethode etabliert hat (eine genaue Beschreibung der Methode hier im Blog).
Bei der Hybridmethode wird der Uterus externalisiert – nach außen gelegt – und die Operation am Fetus durch endoskopische Zugänge (Trokare) durchgeführt.
Risiken und Abwägungen
Die Hybridmethode, so Dr. Köhler, erlaube einen einfacheren Zugang zum Kind als bei der komplett endoskopischen Methode, bei der durch die Bauchdecke der Mutter operiert werde. Auch eine dreischichtige Deckelung (Hirnhaut-Patch, Muskelschicht und abdeckende Hautschicht) der Zele werde so ermöglicht, anstatt lediglich einen Patch aufzubringen, der die Stelle abdichtet.
Bei der vorgeburtlichen Behandlung bei Spina bifida in einer offenen Operation ist der vorzeitige Blasensprung, also das Aufplatzen der Fruchtblase, eine häufig vorkommende Komplikation. Durch das Fixieren der Eihaut während der Operation werde dieses Risiko verringert.
Ein weiterer wichtiger Aspekt sei darin zu sehen, dass die Mutter primär durch die Operation keinen Nutzen habe. Im Gegenteil könne eine vorgeburtliche Operation Komplikationen für folgende Schwangerschaften mit sich bringen. Das Einnisten der befruchteten Eizelle könnte erschwert werden, und auch eine Entbindung aller weiteren Kinder durch Kaiserschnitt könnte die Folge einer vorgeburtlichen Operation sein. So sei es wichtig, bei der Operationsmethode diejenige zu wählen, die die Risiken für die Mutter minimiert und gleichzeitig den größtmöglichen Nutzen für das ungeborene Kind bringt. Auch unter diesem Aspekt betrachtet sei die Hybridmethode der offenen Operation überlegen.
Sehr ausführlich werde in Gießen und Marburg nach der pränatalen Diagnose „Spina bifida“ beraten. Grenzen und Möglichkeiten der Behandlung würden aufgezeigt und erst nach einer Bedenkzeit dürfe eine Entscheidung getroffen werden. Des Weiteren sollten die Patienten möglichst lange nach betreut werden, damit das Team möglichst viele Erfahrungen sammeln könne. Es müssten, so Dr. Köhler, Beweise dafür erbracht werden, dass die Ergebnisse der MOMS Studie ebenfalls erreicht oder sogar übertroffen werden können.
Fragen aus dem Publikum
Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit blieb nur wenig Raum für Fragen. Die wenigen Minuten wurden jedoch genutzt, um zwei wichtige Punkte anzusprechen:
Bei dem Vergleich der Ergebnisse prä- und postnataler Versorgung von Spina bifida müsse künftig auch in Betracht gezogen werden, dass bereits sehr stark selektiert werde, welche Patienten auf die eine oder die andere Art versorgt würde. Inzwischen sei es so, dass nur noch die großen Defekte mit bereits starker bestehender Schädigung – und entsprechend größerer zu erwartender Beeinträchtigung – nachgeburtlich operiert würden.
Auch auf das Problem des Verschlussmaterials der Zele wurde hingewiesen: es sei zu wünschen, dass auf Fremdmaterial (Patches) besser verzichtet wird und statt dessen die vorhandenen Gewebestrukturen (harte Hirnhaut bzw. Rückenmarkshaut = „Dura“) genutzt werden.
Dr. Köhler stimmte beiden Einwänden zu und betonte, man solle in der vorgeburtlichen Behandlung davon absehen zu operieren, wenn dies nicht nötig ist – wenn die Defekte mit den zu erwartenden Schädigungen zu klein seien. Auch solle nach Alternativen zur Verwendung von Fremdmaterial gesucht werden.
Quellen / Informationen:
„The intrauterine treatment of open spinal dysraphism“, Keil C, Sass B, Schulze M, Köhler S, Axt-Fliedner R, Bedei I., Dtsch Arztebl Int 2025; 122: 33–7. (Link zur deutschen Ausgabe des Artikels)
„Proceedings of the First Annual Meeting of the International Fetoscopic Myelomeningocele Repair Consortium“, Sanz-Cortez et al., Ultrasound Obstet Gynecol 2019; 53: 855–863
„Fetoscopic myelomeningocoele closure: Is the scientific evidence enough to challenge the gold standard for prenatal surgery?“, Verweij EJ, de Vries MC, Oldekamp EJ, et al., Prenatal Diagnosis. 2021;41(8):949–956.
Weitere Informationen des UKGM zur Operationsmethode hier
Vortrag von Dr. Michael Belfort aus dem Jahr 2019 über die von ihm etablierte Operationsmethode (ab Minute 9)